Im Festsaal des Wiesbadener Rathauses wurden am Freitag, 23. Januar 2025, der Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage sowie der Preis für Bürgermut verliehen. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr zeichneten zwei international bekannte Persönlichkeiten sowie zwei Einwohner der Stadt aus.
Preisträgerinnen des Ludwig-Beck-Preises und ihre Verdienste
Den Ludwig-Beck-Preis 2025 erhielten die russische Historikerin und Publizistin Dr. Irina Scherbakowa und die Aktivistin Julia Nawalnaja. Scherbakowa wurde als Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial ausgezeichnet. Ihr Engagement richtet sich auf die Aufarbeitung und öffentliche Dokumentation der Verbrechen der sowjetischen politischen Gewaltherrschaft. Die Historikerin gilt als Stimme der Freiheitsbewegung in Russland und setzt sich für ein demokratisches Russland sowie für Aussöhnung ein. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verließ sie ihr Heimatland und lebt seit Juli 2022 im Exil in Deutschland.
Julia Nawalnaja wurde für ihre langjährige Unterstützung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny bis zu dessen Tod gewürdigt. Sie tritt nach Angaben der Stadt für die grundlegenden Werte der UN-Menschenrechtscharta ein und setzt damit ihren politischen Einsatz für Freiheit, Demokratie und Frieden fort, obwohl dieser ihr persönliche Risiken in Bezug auf Freiheit und Leben bringt.
Der Ludwig-Beck-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird an Personen, Institutionen oder Vereinigungen verliehen, die sich durch besondere Zivilcourage für das Gemeinwohl, das friedliche Zusammenleben, soziale Gerechtigkeit und die Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaat eingesetzt haben.
Preis für Bürgermut für beherztes Eingreifen
Mit dem Preis für Bürgermut wurden 2025 Johann Zernickel und Andrej Belosludov ausgezeichnet. Die Auszeichnung ist mit 2.500 Euro dotiert und wird seit 2011 an Personen, Vereinigungen und Institutionen aus Wiesbaden vergeben, die sich in besonderer Weise für andere eingesetzt haben. Vorgeschlagen wurden die beiden Männer von Felix Paschek, dem damaligen Polizeipräsidenten von Westhessen.
Im April 2024 retteten Zernickel und Belosludov nach Angaben der Stadt eine Nachbarin vor einem Messerangriff. Zernickel zog den Angreifer von der Frau weg und hielt ihn fest, bis die Polizei eintraf. Belosludov sicherte das vom Angreifer fallengelassene Messer und leistete Erste Hilfe. Die schwerverletzte Frau wurde nach Eintreffen von Polizei und Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht und dort erfolgreich operiert.
Würdigung und Bedeutung der Auszeichnungen
Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende betonte bei der Verleihung, dass Zivilcourage oft im Zweifel und unter Risiko beginne und nicht mit Applaus. Er stellte den Bezug zur Geburtsstadt Ludwig Becks her und beschrieb die Auszeichnung als Ausdruck des städtischen Selbstverständnisses als Ort der Verantwortung, Erinnerung und Haltung. Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr hob hervor, dass Menschen, die Zivilcourage und Bürgermut zeigen, Aufmerksamkeit und Anerkennung verdienten. Er forderte dazu auf, Menschenrechtsverstöße nicht als legitim hinzunehmen, und bekundete Solidarität mit den Ausgezeichneten, insbesondere mit Julia Nawalnaja.
Der Präsident des Polizeipräsidiums Westhessen, Björn Gutzeit, beschrieb in seiner Laudatio den Preis für Bürgermut als Anerkennung einer Haltung, die das Zusammenleben stütze. Er betonte, dass solche Einsätze oft leise und ohne Publikum stattfinden, aber dennoch von großem Wert für die Gesellschaft seien.
Die Verleihung verbindet lokale Anerkennung für Zivilcourage mit internationalem Bezug. Die Stadt machte deutlich, dass sowohl das individuelle, unmittelbar rettende Eingreifen im Alltag als auch das langfristige Engagement für Menschenrechte und historische Aufarbeitung als Beispiele zivilen Handelns gelten.
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