Dienstag, 27.01.2026

Manfred Beilharz überträgt umfangreichen Theaternachlass an Stadtarchiv Wiesbaden

Empfohlen

redaktion
redaktionhttps://taunus-anzeiger.de
Nah dran am Taunus – nah dran am Leben.

Der ehemalige Intendant und Festivalmacher Dr. Manfred Beilharz hat seinen künstlerischen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden übergeben. Der Schenkungsvertrag wurde am Donnerstag, 22. Januar, im Kulturdezernat am Schillerplatz unterschrieben. Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl nahm die Unterlagen im Namen der Stadt entgegen; Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg war bei der Unterzeichnung dabei. Mehr als dreißig Kisten mit Dokumenten sollen aus dem Haus des 87 Jahre alten Vorlassgebers abgeholt werden.

Übergabe und Bestand des Vorlasses

Erste Kontakte zwischen Beilharz und dem Stadtarchiv datieren nach Angaben der Beteiligten auf das Jahr 2019. Der übergebene Bestand umfasst Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungszeichnungen, Briefe, Schriftverkehr mit Rechtsträgern sowie Presseausschnitte. Nach Einschätzung von Stadtarchivleiter Dr. Quadflieg bildet die Sammlung nicht nur die Intendanz in Wiesbaden ab, sondern dokumentiert die internationale Ausrichtung einer langen Theaterkarriere.

Bei der Vertragsunterzeichnung brachte Beilharz ein besonderes Exponat mit: ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn. Es war ein Geschenk der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, nach einer gemeinsamen Produktion von Alban Bergs Wozzeck, die Beilharz zuvor in Wiesbaden und später in Tel Aviv inszeniert hatte. Die Aufführung dort zog 2005 laut Beilharz unter anderem den Besuch des Bundespräsidenten und einer städtischen Delegation nach sich und wurde nach Angaben des Vorlassgebers innerhalb kurzer Zeit vielfach gespielt.

Stationen einer mehr als fünfzigjährigen Karriere

Manfred Beilharz wurde in Böblingen geboren und studierte Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft. Seine berufliche Laufbahn begann er als Regieassistent an den Kammerspielen in München. 1967 wechselte er an das Westfälische Landestheater in Castrop Rauxel, wo er Oberspielleiter und Chefdramaturg war. Seine erste Intendanz übernahm er mit 30 Jahren am Landestheater Tübingen.

Weitere Stationen waren die Städtischen Bühnen Freiburg im Breisgau von 1976 bis 1983 und das Staatstheater Kassel von 1983 bis 1991. In Bonn wirkte Beilharz von 1991 bis 2002, zunächst als Intendant des Schauspiels, ab 1997 als Generalintendant des vereinigten Theaters der Bundesstadt Bonn. In dieser Zeit wurden Produktionen mehrfach zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Als Beispiel nannte Beilharz die damals junge Schauspielerin Johanna Wokalek in der Rolle der Rose Bernd; die Produktion und die Künstlerin erhielten Auszeichnungen, darunter den Alfred Kerr 3sat Theaterpreis.

2002 wechselte Beilharz an das Hessische Staatstheater Wiesbaden, wo er über ein Jahrzehnt das Haus prägte und die von ihm mitgegründete Biennale Neue Stücke aus Europa fortsetzte. Darüber hinaus initiierte er zahlreiche Festivals, unter anderem das Theaterfestival Freiburg, das Festival Spielräume zur documenta 8 und 1990 das Festival Theater im Aufbruch über sowjetisches Theater nach Perestroika und Glasnost. International engagierte er sich im Internationalen Theaterinstitut der Unesco, dessen Weltpräsident er von 2002 bis 2008 war und dessen Ehrenpräsident er heute ist.

Beilharz unterrichtete zudem als Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen. Für sein Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande, die Goethe Plakette, den Hessischen Verdienstorden, die Ehrenplakette der Landeshauptstadt Wiesbaden sowie den Stanisław Ignacy Witkiewicz Preis.

Bedeutung für Forschung und Ausblick

Stadtarchiv und Kulturdezernat betonten bei der Übergabe den wissenschaftlichen und kulturellen Wert des Vorlasses. Nach Darstellung von Beilharz dokumentieren die Unterlagen die internationale Ausrichtung seiner Arbeit. Er selbst zog bei der Unterzeichnung Bilanz und beschrieb seine Theaterarbeit als verbunden mit regionalen Bedingungen, ästhetischen Herausforderungen und einem starken internationalen Anspruch, der am Ende auch politische Dimensionen habe.

Die Archivare sehen in dem Bestand Material für die Erforschung von Festivals, Gastspielen und internationalen Kooperationen. Kulturdezernent Dr. Schmehl sagte, die Stadt sei dankbar für die Überlassung und die Möglichkeit, den Nachlass dauerhaft zu bewahren. Die konkrete Erschließung und wissenschaftliche Nutzung der Bestände soll nach dem Transport der Kisten aus dem Wohnhaus erfolgen.

Die Unterzeichnungszeremonie am Schillerplatz enthielt nach Angaben der Beteiligten auch heitere Momente, als der 87 Jahre alte Beilharz dem Schofar einen Ton entlockte. Zugleich äußerte er zum Abschluss nachdenkliche Worte über veränderte politische Verhältnisse in verschiedenen Regionen der Welt und den Wunsch nach einem verstärkten internationalen Austausch im künstlerischen Bereich, der sich in den nun übergebenen Dokumenten nachvollziehen lasse.

Weiterlesen

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Aktuelles